Die Grand Prix Prognose 2026
Welche Arbeiten räumen dieses Jahr ab? Wir haben uns die Favoriten angesehen und fünf Arbeiten ausgewählt, denen wir bei den Cannes Lions 2026 besonders viel zutrauen.
Tecate – «Welcome Back, Paisano» (LePub Mexico City)
Die mexikanische Bier-Marke Tecate liefert einen starken Cannes-Mix: ein echter kultureller Insight und eine grosse humanistische Geste – eine Marke, die mehr tut, als nur eine Haltung zu plakatieren. «Welcome Back, Paisano» kann es in gleich mehreren Kategorien ganz oben aufs Treppchen schaffen – von PR über Glass bis hin zu Titanium.
PSP – «Birds Never Forget to Fly» (Playmakers, Tiflis)
Ein Film für die georgische Apothekenkette PSP zum Unabhängigkeitstag. Klingt erst einmal nicht nach einem internationalen Cannes-Favoriten. Bis man die Entstehungsgeschichte kennt. Der Film protestiert gegen politische Gefangenschaft in Georgien. Die Storyboards wurden von einem inhaftierten Regisseur in der Zelle gezeichnet. Das Voiceover stammt von einem inhaftierten Schauspieler, aufgenommen über Gefängnis-Telefonate und technisch mit KI optimiert. Diese Extrameile im Herstellungsprozess kombiniert mit der tiefen Botschaft – das könnte der Film Craft Jury gut gefallen.
1001 Optometry – «Magnif-Eye» (VML Sydney)
AI in der Werbung? Davon hat die Branche inzwischen mehr als genug gesehen. AI mit echtem Nutzen? Schon seltener. «Magnif-Eye» nutzt Kinderfotos, um Hinweise auf mögliche Sehprobleme zu erkennen – und macht aus einem alltäglichen Verhalten einen niederschwelligen Gesundheits-Check. Eltern fotografieren ihre Kinder sowieso ständig. Die Kampagne dockt genau dort an und verwandelt private Schnappschüsse in potenzielle Frühwarnsignale. Bei den Innovation Lions dürfte die Arbeit zu den spannenderen Kandidaten gehören.
Dove – «R/eal Reviews» (David London)
Produkt-Reviews werden zur Kampagne. Ungeschönt, ungefiltert, ungekünstelt. Die Mechanik kommt uns in der Schweiz nicht ganz unbekannt vor. Digitec hat mit radikaler Review- und Kommentar-Transparenz gezeigt, wie gut echte Kundenaussagen als Werbemittel funktionieren können. Und wenn Dove diese Mechanik nimmt, konsequent über alle Kanäle hinweg ausrollt und sie sauber mit der «Real Beauty»-Markenplattform verbindet, dann kann daraus auch ein Cannes-Favorit werden.
Hornbach – «No Project Without Drama» (HeimatTBWA Berlin)
Hornbach macht Hornbach-Dinge. Nur diesmal noch dramatischer. «No Project Without Drama» verwandelt Heimwerken in eine fast opernhafte Odyssee. Aus einem DIY-Projekt wird ein Kampf gegen Wasser, Chaos, Erschöpfung und die eigene Verzweiflung. Der Spot ist beeindruckend inszeniert, handwerklich stark und zugleich sehr nah am Markenkern – vor allem in Film Craft dürfte diese Arbeit Top-Chancen haben. Denn während viele Marken gerade vorführen, was AI alles kann, zeigt Hornbach, was passiert, wenn man eine simple Wahrheit mit maximalem handwerklichem Aufwand auf die Bühne bringt.
Und aus der Schweiz?
Aus Schweizer Sicht wird es wie immer spannend – und wie immer schwierig: Die Schweizer ADC-Abräumer haben es in Cannes oft nicht leicht, weil ihre Insights stark lokal verankert sind. Was in Zürich, Genf oder St. Gallen sofort zündet, muss in einer internationalen Jury erst einmal erklärt werden. Und sobald eine Idee erklärt werden muss, schwinden die Löwen-Chancen. Das gilt leider auch für die grossartige Migros-Kampagne «Ortsschilder» von thjnk Zürich. In der Schweiz war sie ein Hit. Aber in Cannes muss sie nicht nur die Swissness transportieren, sondern auch die Übersetzungshürde ins Englische schaffen. «Condoms for Bitsch», «Toast for Tartar»… geht da noch mehr?
Aber: Es gibt Schweizer ADC-Abräumer, die international leicht verständlich sind. «The Password» von thjnk für Sunrise hat einen globalen Insight: komplizierte WLAN-Passwörter sind mühsam. Das versteht jede Jury sofort. Dazu kommt Roger Federer als Schweizer Super-Asset, das weltweit funktioniert.
Auch «Let Animals Grow Old» von Ruf Lanz für Hiltl dürfte international anschlussfähig sein. Die Idee ist einfach, emotional und universell: Wer vegetarisch isst, lässt Tiere älter werden. Das braucht keine lange Erklärung. Und genau das ist in Cannes oft schon die halbe Miete.

